Der letzte Pfiff des Nimmermüden – Lutz Wagner hat nach 17 Jahren und 197 Spielen seine Bundesliga-Karriere beenden müssen

Am Samstag hat der bald 47-Jährige sein letztes von 197 Bundesligaspielen gepfiffen. Mönchengladbach gegen Leverkusen. Einmal, als der Brasilianer Dante den allein durchgebrochenen Leverkusener Helmes festhielt, ließ Wagner Gnade vor recht ergehen und verzichtete auf eine Rote Karte. Im letzten Spiel ein Feldverweis, das hätte irgendwie nicht zu ihm gepasst. Mit 47 ist Schluss in der deutschen Eliteliga, so wollen es die Statuten. Lutz Wagner aus Kriftel wird deshalb nun die Seiten wechseln. Aus dem aktiven Schiedsrichter, der bei den Profis wegen seiner lockeren Art mit zumeist hessisch eingefärbtem Idiom recht beliebt war, wird der Schiedsrichterfunktionär. Offiziell heißt sein Titel in der neuen Schiedsrichterkommission des Deutschen Fußball-Bundes dann, er muss es selber erst zusammenbekommen: „Koordinator für Regelauslegung und -Umsetzung, Talent- und Nachwuchsförderung sowie Basisarbeit“. Ziemlich viel für einen Mann, dessen Ehefrau Petra vergeblich darauf hofft, künftig mehr von ihm zu haben. „Das wird wohl nichts.“

Nachtfahrt nach Grünberg

Eine Überraschung ist das nicht. Lutz Wagner sagt über sich selbst, dass er im Urlaub nur ungern am Strand rumlümmelt. Dazu ist der Vater einer 20-jährigen Tochter zu rastlos. Seine Augen blitzen, wenn er erzählt, wie er vor Jahren mal ein Pokalspiel am Samstagabend zwischen dem FC St. Pauli und Bayern München bis in die Verlängerung hinein pfiff, sich um zwei Uhr nachts nach einem späten Imbiss noch ins Auto setzte und am nächsten Morgen pünktlich um neun einen Vortrag an der Sportschule Grünberg hielt. Als Lehrwart des hessischen Fußballverbandes gehört das seit Jahr und Tag zu seinen Pflichten. „Leiten statt Pfeifen“ heißen die Überschriften seiner Lehrstunden für Jungschiedsrichter zum Beispiel. Außerdem arbeitet Wagner so an die 40 Stunden pro Woche als Fertigungsleiter in Hofheim, keltert seinen eigenen Apfelwein und setzt sich unermüdlich als Sprecher einer Bürgerinitiative gegen den Bau einer Umgehungsstraße ein, die exakt durch sein rund 30.000 Quadratmeter großes Grundstück verlaufen soll. „Ein Irrsinnsprojekt“, ärgert sich der scheidende Elite-Schiedsrichter, der sich zum Ausgleich zwischen Gänsen, Hühnern und jeder Menge Natur gern mal auf den Traktor setzt und die Wiese mäht.

17 Jahre sind es jetzt her, als Wagner sein erstes Bundesligaspiel pfiff, „Bochum gegen Dresden, eine heiße Kiste“, er weiß das natürlich noch genau. 72 Mark gab es anfangs für 90 Minuten Bundesliga, die Motivation kann also nicht das Geld gewesen sein, auch wenn es mittlerweile 3800 Euro pro Einsatz geworden sind. Wagner gehört zu denjenigen Schiedsrichtern, die problemlos einen Ball hochhalten können und nur allzu gern selbst Fußball spielen. Wieder lächelt er schelmisch: „Ich bin exzellent, wenn es darum geht, Strafstöße rauszuholen. Ich suche den Kontakt mit dem Verteidiger. Hölzenbein hat das 1974 im WM-Finale super vorgemacht.“

Ein guter Schiedsrichter, sagt Wagner, zeichne sich bei weitem nicht nur dadurch aus, zwischen Schwalbe und Foul unterscheiden zu können. „Ich predige bei der Nachwuchsarbeit immer: ‚Einen guten Schiedsrichter erkennt man nicht an seinen Entscheidungen, sondern daran, wie er sich zwischen seinen Entscheidungen verhält.'“ Wie er also mit den Spielern kommuniziert, einen Zugang zu ihnen findet, sie auch mal warnt, sich zurückzunehmen und so ihr Vertrauen gewinnt. „Früher hieß es immer, ein Schiedsrichter müsse reagieren, heute sagen wir: Er muss agieren.“

Karrierebeginn mit 14

Wagner war 14, als seine Karriere als Unparteiischer begann, als er 16 war, pfiff er bereits das Spiel der ersten Mannschaften von Kelkheim und Fischbach im strömenden Regen, er hat die schwierigen Anfänge nicht vergessen: „Der Held der Wirklichkeit pfeift nicht in der Bundesliga, sondern in der Kreisklasse.“ Dort, wo die persönlichen Drohungen den Schiedsrichter viel unmittelbarer erreichen als in einem Stadion mit 60.000 Menschen. Wagner ist nicht der Typ, der sich mit Fehlurteilen lange aufhält, das ist seine Stärke. „Das Abhaken von Fehlern zu lernen, ist ungeheuer schwierig“, weiß er, „genauso schwierig ist es, sich brutal über 90 Minuten hinweg zu konzentrieren.“ Anfangs sei es ihm mehrfach passiert, dass er nach 70 Minuten das Gefühl gehabt hätte, er habe das Spiel im Griff. „Dann wirst du leichtsinnig und nach einem Fehler ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.“ Nun will er mithelfen, dass der Nachwuchs nicht nur aus den eigenen Fehlern, sondern auch aus den Fehlern der Alten lernt. Wagner ist jetzt ein Alter.

Eines zumindest muss seine Frau künftig nicht mehr fürchten: Dass ihr Mann schlecht gelaunt nach Hause kommt, weil er schlecht gepfiffen hat. „Dann war ich ungenießbar und Frau und Hund gingen lieber in Deckung.“ Hund Paul ist inzwischen 14 Jahre alt und kommt beim Joggen nicht mehr so ganz mit dem ausdauernden Herrchen mit. Lutz Wagner lässt keinen Zweifel daran, dass er weiterhin schwer auf Trab sein wird. Nicht nur in den Wäldern um Hofheim und Kriftel. Die große Bühne wird ihm dabei fehlen, auch wenn es dort gerade dann besonders schön war, wenn er keine Schlagzeilen produzierte: „Wenn nach einem Spiel niemand über euch spricht, wenn da keine Kamera vor eurer Kabine aufgebaut ist und keine Fragen gestellt werden, dann ist das für einen Schiedsrichter so, wie wenn ein Stürmer drei Runden durchs Stadion getragen wird.“          

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