Lutz Wagner: „Mit einer gewissen Fehlerquote muss man immer leben“

Frankfurter Rundschau: In der neuen Europa League gibt es pro Spiel fünf Schiedsrichter, zwei davon sollen die Tore beobachten. Sinnvoll oder albern?
Lutz Wagner: Einen Versuch ist es wert, aber ich bin skeptisch. Vor allem deshalb, weil der Schiedsrichterstab erneut größer wird. Ich frage mich: Passt da noch das Verhältnis? Zwei Mann mehr für eine Situation, zu der es vielleicht alle drei bis vier Spiele kommt.

Was fänden Sie besser?
Ich plädiere für eine technische Lösung: Ein Chip im Ball wäre sinnvoll – sofern die Technik funktioniert.

„Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“

Hätte ein Torrichter das Wembleytor verhindert?
Das wäre ganz schwierig gewesen. Jemand, der hinter dem Tor steht, kann natürlich manche Dinge sehen, die der Schiedsrichter und die Assistenten nicht erkennen. Nur: Auch ein Torrichter kann nicht jede kritische Situation auflösen. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit.

Was sagen Ihre Kollegen in der Bundesliga über die Torrichter?
Ob da hinter dem Tor noch einer sitzt oder nicht: Für uns als Schiedsrichter ändert sich fast nichts. Der Torrichter kann einige wichtige Entscheidungen treffen. Aber auf den normalen Spielbetrieb wird er gar nicht viel Einfluss haben. Deswegen hat man bei der FIFA überlegt, ob er noch andere Aufgaben übernehmen könnte – zum Beispiel über kritische Szenen im Strafraum mitentscheiden. Allerdings denke ich, dass der Nutzen eher gering sein wird.

Heißt also: Torrichter – keine gute Idee?
Letztlich zeigt das erst die Praxis. Die Tests finde ich durchaus gut, ob man allerdings mit den Torrichtern tatsächlich eine Verbesserung erzielt, wage ich zu bezweifeln. Wenn das Ganze nicht funktioniert oder der Aufwand zu groß ist, muss man deshalb nachher den Mut haben zu sagen: Okay, dann lassen wir es bleiben.

Und wenn sich der Torrichter bewährt: Profitiert am Ende nur der Profifußball?
Wir haben in Deutschland 97.000 Wettbewerbsspiele pro Woche – und nur 80.000 Schiedsrichter. Es fehlen also schon heute 12.000. Für die Basis ist das ein großes Problem. Deshalb kann man die Torrichter nur im Profifußball einführen, im absoluten Topbereich. In den unteren Ligen wird es nie welche geben. Übrigens auch keinen Chip im Ball. Die Kosten sind einfach zu hoch.

„Amateurfußball ist Freizeitbeschäftigung“

Wie könnte im Amateurbereich eine Lösung aussehen?
Eine perfekte Lösung gibt es nicht. Mit einer gewissen Fehlerquote muss man immer leben. Je weiter wir uns vom Profibereich entfernen, umso größer wird diese zwangsläufig auch werden. Amateurfußball ist Freizeitbeschäftigung, und hier gilt sicher noch mehr, dass Unzulänglichkeiten und Fehler zu akzeptieren sind.

Quelle: Frankfurter Rundschau, Ausgabe vom 22. Juni 2009     

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