Lutz Michael Fröhlich: „Sicherlich gibt es nur wenige Spielleitungen, die perfekt sind“

kicker: Die Schiedsrichter haben sich in der Rückrunde deutlich verschlechtert. Stimmen Sie zu, Herr Fröhlich?

Lutz Michael Fröhlich (51/Abteilungsleiter Schiedsrichter des DFB): Woran machen Sie das fest?

kicker: An der hohen Quote klarer Fehlentscheidungen und den deutlich schlechteren „kicker„-Noten.

Fröhlich: Das an Noten festzumachen, halte ich für gewagt, sie sind ein subjektives Instrument. Alles andere hängt von der Komplexität der jeweiligen Szenen ab.

kicker: Alles belegte, in den „kicker„-Analysen notierte Fehler rund um An- und Aberkennung von Toren, bei Strafstößen oder Platzverweisen.

Fröhlich: Okay, da bin ich bei Ihnen. Allerdings fließt in die grundsätzliche Beurteilung der Schiedsrichter mehr ein als TV-Nachweise zu vermeintlichen Fehlentscheidungen. Wie leitet er ein Spiel? Ist er souverän? Hält er eine Linie durch? Natürlich auch die Wertung der Einzelentscheidungen. Und sicherlich gibt es da nur wenige Spielleitungen, in denen alles perfekt ist.

kicker: Ist das bei dem Tempo des Spiels und der Geschicklichkeit der Spieler nicht nahezu unmöglich?

Fröhlich: Das deckt sich auch mit meiner Wahrnehmung. Gerade deshalb: Muss man den Schiedsrichtern nicht eine gewisse Fehlertoleranz zugestehen?

kicker: Sicher. Aber wir reden hier von klaren, nicht von kniffligen oder strittigen Situationen, die zudem direkten Einfluss auf den Spielverlauf nehmen.

Fröhlich: Zum Beispiel?

kicker: Das aberkannte 1:0 der Bayern von Klose gegen Köln. Oder das leider gegebene 2:1 für Wolfsburg gegen Berlin, als Dzeko dabei Simunic zu Boden ringt.

Fröhlich: Haben wir auch diskutiert.

kicker: Und?

Fröhlich: Da wäre nach den TV-Bildern ein Pfiff richtig gewesen.

kicker: Wie kann man den Schiedsrichtern helfen?

Fröhlich: Wir arbeiten ja daran, haben die Aufarbeitung der Spieltage intensiviert und führen vermehrt Kurz-Lehrgänge durch. […] Darüber hinaus glaube ich nicht, dass hier bereits alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. In Bezug auf eine einheitliche Regelauslegung, in der Einschätzung von Einzelsituationen besteht noch Verbesserungspotenzial. Derzeit läuft eine Testphase mit zwei zusätzlichen Assistenten hinter dem Tor, um gerade bei Strafraumszenen die Fehlerquote zu minimieren.

kicker: Ihr früherer Kollege Dr. Markus Merk hat vergangenes Jahr die Einführung des Videobeweises gefordert. Würde das helfen?

Fröhlich: Es gibt immer wieder Szenen, die auch aus verschiedenen Kamerapositionen völlig anders aussehen.

kicker: Um die geht es nicht. Es geht nur um eindeutige Fehlentscheidungen. Etwa das Klose-Tor. Das hätte man unmittelbar korrigieren können. Es dauert auch nicht länger, das Spiel ist bei solchen Situationen ohnehin unterbrochen.

Fröhlich: Dazu müsste man das Regelwerk ändern. Die Regel 5 sieht ausschließlich die Wahrnehmung des Schiedsrichters als Entscheidungsgrundlage. Dessen Augen und Ohren sind danach die Basis für Entscheidungen. Der menschliche Charakter des Fußballs soll über allem stehen.

kicker: Es sind doch auch jetzt schon sechs Augen und Ohren im Spiel. Assistenten überstimmen den Schiedsrichter. Zu Unrecht im Fall Klose. Der Video-Assistent, der den Irrtum hätte aufklären können, wäre nur ein weiterer.

Fröhlich: Aber auf der Basis einer zusätzlichen Quelle. Es geht doch auch darum, dass Fußball nachvollziehbar bleibt, die Bedingungen überall gleich bleiben. Aber nicht überall stehen Kameras. Oder nicht an den richtigen Stellen.

kicker: Gleiche Bedingungen herrschen ohnehin nicht. Im unteren Amateurbereich gibt’s nicht mal Assistenten. Außerdem: Wenn Spieler per Videobeweis gesperrt werden, interessieren gleiche Bedingungen auch nicht. Es gibt übrigens noch ein Argument für den Videobeweis.

Fröhlich: Welches?

kicker: Schutz vor Manipulationen.

Fröhlich: Wie meinen Sie das?

kicker: Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit den Fall Hoyzer. Wäre der Videobeweis, der auffällige Irrtümer verhindern könnte, nicht ein wirksames Instrument, um Ihre Kollegen vor jedweden Zweifeln und Verdächtigungen zu schützen? Und um wirksam abzuschrecken?

Fröhlich: Eine neue und interessante Argumentation. So habe ich das noch nicht gesehen. Man sollte sich mit neuen Argumenten auseinandersetzen. Klar, Gerechtigkeit im Fußball, Schutz der Schiedsrichter, das sind alles Aspekte, über die man nachdenken sollte. Alles, was den Schiedsrichtern hilft, die richtige Entscheidung zu treffen, ist zunächst mal interessant.

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